Türrigl

Zur Herkunft des Namens Türrigl


Um über die Herkunft des Namens zu forschen, muss man zwangsläufig auf die ältesten Urkunden zurückgreifen. Leider wurde von Dilletanden in der kürzeren Vergangenheit viel hanebüchenes geschrieben. Alle diese naheliegenden Erklärungen sind relativ einfach zu widerlegen. Ich bin gewohnt, – bedingt durch eine Ausbildung zum Marktforscher – Daten auf ihre genaueste Aussage hin zu überprüfen und nur solche Aussagen zu treffen, die durch harte Fakten nachprüfbar sind. Nun kann man, wenn man Aussagen über Ereignisse die 1000 Jahre zurückliegen, nicht immer auf Fakten zurückgreifen, aber, man kann sich die Mühe machen, Fakten in logische und rationale Zusammenhänge zu bringen und mit Sicherheit sind diese Erkenntnisse besser nachvollziehbar, als haltlose und durch nichts in Logik zu bringende Vermutungen oder gar, siehe Tür-Riegel, subtile Darstellungen ohne realen Hintergrund.

Folgenden Versuch möchte ich anstellen:
Die Urnamen sind unsere heutigen Vornamen, auch Taufnamen genannt.
Im 13. Jahrhundert stellen sich langsam sogenannte Übernamen, Hausnamen, Beinamen, Familiennamen oder auch schon Geschlechternamen ein. Frau Charlotte Scheffler-Erhard schreibt in ihrem Altnürnberger Namenbuch, das im 12. und 13. Jahrhundert meist nur die Namen der ehrbaren Geschlechter erwähnt werden. Die einfachen Leute hatten noch keine Beinamen und wurden sogar oft als z. B. Knecht des … bezeichnet. Erst Ende des 13. Jahrhunderts ist eine Doppelnamigkeit zu erkennen.
Es gilt die Namensherkunft zu erforschen für einen Namen der bereits 1260 erstmals und danach noch mehrmals urkundlich mit „T u r r i g e l“ und zwar genau in dieser Schreibweise bzw. mit einem „o-Kringel“ über dem u dokumentiert werden kann. Diesen Namen einem Tür-Riegel zuordnen zu wollen, in einer Zeit, in der Türen noch Löcher waren, die mit einem vorgestellten Brett und einer Querlatte, dem Riegel, die an beiden Seiten in Löcher gesteckt wurden, zugemacht wurden, ist infantil und einfach zu wenig nachgedacht.
Näher kommt man der Sache, wenn man die „Berufe“ der Türrigl im 13. Jahrhundert betrachtet. Sie waren Ritter und Turnierteilnehmer. Die erste Erwähnung gilt 1241 dem Turnierteilnehmer und die erste Urkunde des Heinricus dictus (genannt) Turrigel im Jahr 1260, lässt ein Geburtsdatum um 1230 definieren und damit ist der Vater (vermutlich der Werner) oder – wenn man genau sein will – der Großvater des Heinricus und seines Bruders Herrmann noch dem 12. Jahrhundert zuzuordnen. In jener Zeit galt es einem Turnierteilnehmer einen unverwechselbaren Namen zuzuordnen und ein Wappen zu führen. Um 1360 kennen wir auch eine Quelle: Ritter Konrad der Türrigel zu Eschenbach.
Das erste was uns urkundlich bekannt ist, ist, dass die Turrigel Lehensmannen der Schenken von Reicheneck waren und Inhaber umfangreicher Lehen im Raum Hersbruck bis Plech. Sie waren also Verwaltungsleute für den hohen Adel und als Lehensverwalter, später Reichsministerialien und Pfleger von niederem Adel. Aber durchaus als Turnierteilnehmer akzeptiert. 1241 bei Pfarrer Hildebrandt nimmt Werner Türrigl am Turnier in Nürnberg teil und Rixner in seinem Turnierbuch und Freyberg erwähnen „Hayntz durrigl“ als Turnierteilnehmer in Bamberg, 1487 in Regensburg und vier Jahre zuvor in Ingolstadt. Und genau von diesem Wortstamm „Tur“nier lässt sich der Name ableiten. Das mittelhochdeutsche Wort „t u r r e n“ auch „t ü r r e n“ bedeutet in der Erklärung ebenfalls bei Charlotte Scheffler-Erhard, Nürnberg: „wagen, den Mut haben, sich getrauen“. Als Quelle gibt sie an: Lexer, Matthias, Mittelhochdeutsches Handwörterbuch, Leipzig 1872-78. Auch bezeichnet sie „t ü r r e n“ als Eigenschaftsnamen eines Mutigen.
Leider ordnet Frau Scheffler-Erhard in Nichtkenntnis der Geschichte der Turrigel den Namen tatsächlich ebenfalls einem Tür-Riegel zu, was aber bei der Fülle der Namen, die erforscht wurden, verzeihlich und verständlich ist. Das mittelhochdeutsche Wort „Rigel“ bedeutet ausser Riegel noch Walze, Hebel. Hier wäre eine Bedeutung naheliegend: Der im Turnier alles niederwalzt oder seine Gegner mit der Lanze aus dem Pferd hebelt.
Eine weitere mögliche Erklärung wäre: Die Turrigel mussten als Ministerialien die Beachtung der „Regeln“ der Herrschaft bei den Untertanen durchsetzen, sie waren also an der „Regierung“ beteiligt. Was liegt näher als den Mutigen, der in seinem Gebiet alles regelt, als „den Regler“ (rigel) zu bezeichnen.
Tu(ü)rr rigel (rygel) bedeutet also: Der Mutige, der etwas wagt und die Einhaltung der Regeln kontrolliert bzw. an der Regierung beteiligt ist oder „Der Mutige, der alles niederwalzt“.
Und so bekommt eine Deutung plötzlich Klarheit, Nachvollziehbarkeit und Logik. Im Endeffekt regelt auch der Riegel das Öffnen und Schliessen der Tür und somit sind wir wieder beim Ursprung des Mittelhochdeutschen und der Ableitung daraus in die heutige Sprache. (Rigel ist ein uraltes Wort aus dem mittelhochdeutschen und bedeutet Querholz im Fachwerk, Hebel, Walze)
Aus dem Mittelhochdeutschen:
turren, türren = etwas wagen, Mut haben
rigel = Querholz im Fachwerk, Hebel
Weitere logische Ableitungen:
Der Mutige mit der Schlüsselgewalt oder Der Mutige und Herr über die Riegel der Häuser, die ihm zu Lehen gegeben sind. Der Kaiser als Lehensherr behielt das Öffnungsrecht einer Burg gegenüber dem Lehensnehmer. Denkbar und einfacher wäre natürlich die Ableitung mit der durchaus üblichen Endung auf „ig“ (Wittig, Herbig, Halbig, Ludwig) und die Verniedlichung mit dem Buchstaben „l“: Der kleine Mutige. Nicht nachvollziehbar oder als infantil zu bezeichnen sind Aussagen, wie: Nach dem Tür-Riegel benannt. Oder: Führen einen Türriegel im Wappen, was erwiesenermassen nicht stimmt.
1402 nennen sich die Türrigl erstmals nach dem Geschlechte „zum Rygelstein“. Hier ist also nach dem Bau des freieigenen Schlosses, der umgekehrte Effekt eingetreten. Das Schloss wird zwischen 1360 und 1402 erbaut und nach dem Geschlechte der Türrigl in Riegelstein umbenannt. Rund 150 Jahre nach dem ersten Auftauchen eines Turren = Mutigen ist also in der Familie die Herkunft des Namens nicht mehr bekannt, sondern man deutet bereits den Rigel um in Riegelstein. Eine mögliche Alternative: Turrigl von Turrenstein klingt aber auch wirklich nicht melodisch und so kann ich meinen Vorfahren zu dieser kreativen Variante nur meinen Respekt bezeugen. Die Türrigl sagen sich um 1360 vom Lehensherrn Schenk von Reicheneck los und werden allodial. Sie sind also nicht mehr Lehensmänner, sondern freieigene Lehensvergeber (= allodial).
Eine weitere logische Ableitung wäre aus der Vermutung gegeben, dass die Thürrigl sich nach ihrer Herkunft Thüringen nannten. Es könnte also sein, dass die Zuwanderer von Thüringen sich nach Ihrer Herkunft nannten. Namhafte Experten schließen diese Version jedoch aus. Eine nicht nachvollziehbare Vermutung heißt: „sie sind denn eines herkomens von dem uralten Geschlechte der Baben.“ Nach meiner derzeitigen Kenntnislage gab es in Schweinfurt die Babenberger und der Uralt-Name von Bamberg wird ebenfalls als Babenberg bezeichnet. Dr. Voit hat in einer frühen Quelle den Namenszusatz „de Swinach“ (Schwein, Ache=Fluß) entdeckt und bringt das mit dem früheren Namen von Kloster Engelthal in Verbindung.
Alle diese Erklärungen sind glaubwürdiger, als diejenigen, die ich teils auch von namhaften Namens-Forschern zur Kenntnis nehmen musste, die meist die Geschichte der Familie nicht kannten und aus dem Dvrrigl oder dem Tirrigl einen Tür-Riegel gemacht haben.